h1

Gerümpelkammer

Wozu ein Blog? Ich sitze hier und überlege: Was bezwecke ich mit diesem Blog? Wie öffentlich mache ich mich?
Zunächst war da eine leise Ahnung, eine Vermutung: Das Schreiben könnte helfen. Könnte ein Ventil sein. Das war es schon einmal. Ein Versuch ist es wert.
Ich bin in diese Situation hinein geschubst worden. Nein, leider hat niemand gefragt, ob das mein Wunsch ist. Ich hätte wohl auch abgelehnt.

Besonders schwierig: So viele Menschen um mich herum fordern Aufmerksamkeit, greifen mit Krakenarmen nach mir. Da ist meine Mutter, die ihre Krebsdiagnose vor etwa 14 Tagen bekam, da ist mein Stiefsohn, der natürlich nicht greift, für den ich aber da sein möchte, meine Kinder, die ein Minimum an Zuwendung und Zeit abbekommen. Hinzu kommen diverse Verwandte, die auch auf ihr Recht (Telefonate, Besuche) pochen.

Manchmal ist mir schlecht, wenn ich auch nur eine Minute zu lang bedenke, wie sehr meine Kinder zurück stecken müssen. Ich gehe volltags arbeiten, daran lässt sich auch nichts ändern. So gern ich es in dieser Situation ändern würde, keine Frage. Der Abend ist schon unter Normalbedingungen mit waschen, putzen, Essen vorbereiten, einkaufen, Hausaufgaben kontrollieren usw. ausgefüllt.
Nun steht auch noch unser Umzug vor der Tür, es muss so viel umgemeldet werden, bedacht werden. So viele kleine Baustellen…

Da ist Jürgen, dessen Nähe ich brauche und vermisse. Aber Jürgen muss/ will für seinen Sohn da sein. Allenfalls Restzeit. Keine ungeteilte Aufmerksamkeit. Wie soll ich es beschreiben? Ja, es gibt sie – seltene, flüchtige Begegnungen. Außerhalb dieser Zeit. Kurze Telefonate, immer in Hab-Acht-Stellung, jede Minute könnte der Alarm losgehen, Yannick etwas einfordern, was auch immer.

Immer den Gedanken im Hinterkopf: Wie geht es Yannick gerade? Ich habe, das Gefühl, dass ich für Jürgen die Verbindung zur Normalwelt bin. Er kommt da aus diesen anderen Leben und möchte… ja, was möchte er? Ich glaube, normales Leben. So, wie ein Schauspiel. Akt eins, Szene eins, Natalie und Antonia treten auf die Bühne, Streit um das letzte Stück Salami. Vorhang, Applaus.

Akt zwei: Auftritt der Lebensgefährtin, munteres Plaudern über die großen und kleinen Widrigkeiten des Alltags.
Schnitt, Szenewechsel, Spot an, Schwenk auf Yannick plus Krankheit plus Therapie. Wieder auf den Punkt da sein müssen, immer Verständnis haben, eigene Bedürfnisse hinten an stellen.
Normaler weise kämpft man für etwas. Um die Gesundheit des Kindes, um Geld, um Anerkennung.
Wofür kämpfe ich? Was ist mein Einsatz und was ist der Preis? He, ich bin ein ganz normaler Mensch und nur grenzwertig tauglich als Mülleimer. Leider war in diesem Theaterstück nur noch diese Rolle frei.

Mülleimer? Wie schade, mir fällt kein Wort ein. Hm, ein Wort für: „Da kommen zu viele und ziehen Energie – zapp zapp und sind dann wieder weg, ohne zu bezahlen. Bin ich eine Selbstbedienungstankstelle, die ihren Kunden noch ein „Danke“ hinterher wirft.
Zur Zeit liege ich kräftemäßig noch im grünen Bereich. Aber es ist keine Aussicht auf Abschalten.

Hilfe, war ich sauer, als Jürgen mir offenbarte, dass er nach der Behandlung erst einmal zur Kur fährt.
Mir Flyer von Familienrehamaßnahmen mitbrachte. Ich glaube, es war von ihm noch nicht einmal ansatzweise böse gemeint.
Für ihn ist das (zumindest stellt es sich so für mich da) alles sehr einfach im Sinne von klar im Sinne von: Es gibt keine echten Alternativen. Induktionstherapie – Weihachten zusammen unterm Weihnachtsbaum – Konsolidierungstherapie – Erhaltungstherapie und danach oder mittendrin Kur. Alles hinter sich lassen, neu anfangen oder an Altes anknüpfen.
Gute 2 Jahre – meine Kinder sind dann 14 Jahre alt, Teenager, bereit, sich abzunabeln, bereit, die Welt zu erobern.

Sie mussten schon einmal zurück stecken – damals, als ihr Vater kurz nach ihrer Geburt an Krebs erkrankte und dann 6 Jahre später starb. 5 Jahre Zeit, um Wunden zu lecken, zu grauslige Erinnerungen in eine dunkle Kammer hinein zu stopfen und die Tür schnell zu verschließen.

Ich hätte nicht gedacht, dass eines Tages die Tür aufspringt und das ganze sorgfältig weggesperrte Gerümpel mich unter sich begräbt. Was mache ich jetzt mit diesem Gerümpel?

Kommentar schreiben