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Seismisches Zittern, aber von uns ignoriert, beschwichtigt…

Yannick fing sich schon seit einiger Zeit einen Infekt nach dem anderen ein. Nun ist das ja bei 6jährigen Kindern nichts Ungewöhnliches.
Ungewöhnlich war nur die Struktur der Krankheiten: Plötzlich, aus dem nichts, war Fieber da, fast ständig begleitet von Rückenschmerzen. Sonst nichts. Manchmal ein wenig Bauchschmerzen, ein wenig Durchfall, ein wenig Übelkeit .

Wir machten die ungünstige familiäre Situation verantwortlich, vermuteten hinter den Krankheiten eher psychische Probleme. Irgendwann stand die Verlegenheitsdiagnose: „Wachstumsschmerzen“ im Raum.

Dunkel kann ich mich erinnern, ein wenig gegooglet zu haben. Die in diversen Ratgebern beschriebenen Wachstumsschmerzen passten nicht zu Yannicks Symptomen. Also gab ich einfach Fieber, Infektanfälligkeit und Rückenschmerzen ein und landete prompt auf einer der zahlriechen Leukämieseiten. Ich schloss sie nahezu sofort – nein, an Leukämie verschwendete ich keinen Gedanken, wollte ich nicht.

An einem Sonnabend, wir wollten gerade Antonias Zimmer malern, klingelte das Telefon. Yannicks Mutter sagte Bescheid, dass sie mit Yannick ins KH fahren würde. Man hätte sie gleich nach R. überwiesen.

Langsam fing der Boden an zu beben. Wir malerten weiter, ich fuhr noch schnell zum Baumarkt, um Vergessenes zu kaufen. Während der Heimfahrt erneut ein Anruf: Yannicks Blutuntersuchung verhieße nichts Gutes, da wären Zellen, die da so nicht hingehören. Und da standen sie vor mir, die drei Buchstaben: ALL.
Keine Ahnung, wie die da hin kamen, gerufen hatte ich sie nicht. Wir fuhren schnell nach Haus, Jürgen stand bereits mit gepackter Tasche im Hauseingang. Umarmen, fest halten, fest halten wollen. Ich noch im Haus, Jürgen schon fast draußen stehend. Drinnen das normale Leben, Farbe, Kleister, Musik aus dem Radio, lachende Menschen. Draußen: Die Ahnung, dass bald alles nicht mehr so ist, wie es war.

Ich dachte an meine Mutter, die ihre Krebsdiagnose ein paar Tage zuvor erhielt. Und an meinen Stiefsohn. An mich und an meine Kinder.
Gleichzeitig versuchten wir Zurückgebliebenen, diesen Gedanken, dieses Wissen zu verdrängen. Einfach weitermachen, weiter malern… Vergessen im Tun – Badarmaturen und Fliesen wurden geputzt. Die monotone Tätigkeit lenkte ab, erdete.
Spät abends holte es uns ein. Jürgen kehrte zurück, mit der Verdachtsdiagnose ALL.

Mist. So ein gottverfluchter Mist …

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