Das Wochenende verflog im Nu. Die Zwillinge besuchten mit mir am Sonnabend die Freie Schule in G. Dort war Tag der offenen Tür.
Da meine beiden diese Schule nach den Februarferien besuchen wollen, nehmen sie natürlich jede Gelegenheit wahr, um sich mit neuen Mitschülern, Lehrern und Räumlichkeiten (inklusive Schulkaninchen und Schulkatze) vertraut zu machen.
Es war zunächst einfach nur schön. Ich mag die Atmosphäre in dieser Schule. Meine Kinder waren auch sehr schnell verschwunden. Da mussten Freundinnen begrüßt werden, dem Kaninchen ein Besuch abgestatet werde, da luden unzählige Stände zum Mitmachen ein.
Ab und an lief mir eines der Mädchen (eher zufällig) über den Weg. Ich war gelöst und entspannt wie lange nicht mehr. Und ich war voller Vorfreude: In der Woche versprach J., am Sonnabend nach zu kommen.
Vielleicht nicht nachvollziehbar, doch ich freute mich riesig. Es bedeutete mir so viel: Es bedeutete ein „Ja“ zu uns, zu uns als Familie. Es zeigte Interesse an den Zwillingen und ihrem Lebensumfeld.
Meine beiden waren zunächst sehr verwundert, als ich ihnen sagte, dass J. nachkommen würde. Waren sie es doch eher gewohnt, mit mir als Rumpffamilie aufzuschlagen (Abgesehen von seltenen Oma-Opa-Begleitungen). Aber dann freuten sie sich doch und fragten während der Veranstaltung wiederholt, wann dann J. kommen würde. Ich wunderte mich auch: Hatte mir J. doch per SMS mitgeteilt, dass er da sei. Doch wo?
In diesem Moment klingelte das Handy: „Hallo, Schatz, wo bist du?“. Klärung der Lage – J. war zu Hause und hatte sein Versprechen vollkommen vergessen. Ich war wahnsinnig enttäuscht in diesem Moment. Enttäuscht und auch etwas sauer.
Ich glaube, in Patchworkfamilien beäugt man das Tun des anderen sehr genau. Wünsche von Y. werden sofort erfüllt, ihm darf nichts abgeschlagen werden und hallo, hätte ich ein derartiges VErsprechen einfach verpennt, na, holla die Waldfee. Das wäre so, als ob ich den Tag meiner Trauung verschlafen würde, geht also gar nicht.
Mich ärgerte das achselzuckende „Tut mir leid“ und der Verweis auf die Ausnahmesituation Krankenhaus. Ärgern deshalb, weil die Krankenhaussituation natürlich eine Ausnahmesituation darstellt und man Kraft ungeschriebener moralischer Gesetze verpflichtet ist, Güte und Milde und Nachsicht walten zu lassen.
Doch Güte, Milde und Nachsicht hatten an diesem Nachmittag Urlaub. Stattdessen suchte ich, meinen Unmut, meine Verletztheit vor meinen Kindern zu verbergen und ihnen so neutral wie möglich zu erklären, dass J. nicht kommt. Verstehen seitens meiner Kinder – na klar, er ist momentan mit Wichtigerem beschäftigt, Geht ja nur um uns, geht ja nur um einen langweiligen Tag der offenen Tür. Und wie gesagt, wir sind die letzten 5 Jahre immer nur zu dritt unterwegs gewesen – dann schaffen wir es auch die kommenden Jahre.
*Würg* Manchmal ist der Gefühlsspagat kaum zu schaffen. In meinem Kopf hämmerten zwei Gedanken: „Das haben sie nicht verdient“ und „Hallo? Wenn jemand das nur ansatzweise mit deinem Sohn machen würde …“.
Ich wollte nicht verständnisvoll sein, denn ich war es nicht. Ich war verletzt. Mag sein, dass man das als Banalität abtun kann. Doch es sind die banalen Ereignisse des Alltags, das Tun und Handeln des Anderen, seine Worte und seine Taten und die Übereinstimmung von Worten und Taten, die … ja, was? Die auch mein Handeln bestimmen? Wie du mir, so ich dir? Partnerschaft als Wage?
„Dann bleib weg“, dachte ich mir und schrieb eine dementsprechende SMS. Verließ die Schule, ging den langen Weg entlang des Hockeyfeldes. Gut, dann ohne J. Warum auch nicht? Ich kannte mich ja – käme J., würde ich mich vorrangig um ihn kümmern. Vielleicht war es besser so. Ein kleines Teufelchen flüsterte mir noch ins Ohr: „Hallo, schade, das wäre eine schicke Gelegenheit, J. einmal einen (Verhaltens)spiegel vor die Nase zu halten. Einfach: „Hi, na, J. Bin mal kurz weg.“ , um dann für den Rest des Nachmittags mit meinen Kindern zu verschwinden. Nicht ohne mich ab und an mal für drei Sekunden zu J. zu gesellen: „Na, alles i.O? Fein und tschüss. Übrigens, kannst Du A. mal ihre Jacke runter holen, sie kommt da nicht an“.
Warum muss ich grundsätzlich für alles Verständnis haben?
Übrigens, kurze Zeit darauf erhielt ich eine SMS. J. kündigte sich doch noch an. Ärger und Freude hielten sich in diesem Moment die Waage. Als er denn neben mir stand, überwog die Freude.
Mein J., mein Leben.